Räume arbeiten mit

Was Arbeitsräume mit Organisationsentwicklung zu tun haben

Autor: Dr. Bernhard Böhm

Wir verbringen einen großen Teil unserer Zeit in Räumen: zu Hause, vor allem aber auch bei der Arbeit. Und wir alle kennen das Gefühl, dass manche Räume uns gut tun. Andere erschweren konzentriertes Arbeiten, behindern den Austausch oder erzeugen sogar Spannungen. Räume beeinflussen also unser Wohlbefinden. Aber sie beeinflussen auch, wie Organisationen funktionieren.

Gerade deshalb lohnt es sich, Arbeitsräume nicht nur als Infrastruktur zu betrachten. Sie sind nicht bloß der Rahmen, in dem Arbeit stattfindet. Sie gestalten mit, wie Zusammenarbeit, Kommunikation und Kultur im Alltag tatsächlich gelebt werden.

Warum ist das so?

Eine hilfreiche Perspektive liefert der Schweizer Soziologe Lucius Burckhardt. In seinem Text „Design ist unsichtbar“* beschreibt er Design als etwas, das nicht nur aus sichtbaren Elementen besteht – also Wänden, Türen oder Möbeln – sondern auch aus einer unsichtbaren sozialen Dimension. Räume beeinflussen, wie wir uns in ihnen bewegen, wie wir einander begegnen und welche Formen der Zusammenarbeit wahrscheinlicher werden.

Für Organisationen ist das zentral. Denn räumliche Gestaltung ist nie neutral. Sie kann Austausch fördern oder verhindern, Hierarchien festigen oder abbauen, Flexibilität ermöglichen oder blockieren. Ob jemand am Ende eines langen Ganges in einem Einzelbüro sitzt oder direkt an eine gemeinsam genutzte Zone angebunden ist, macht einen Unterschied; nicht nur für das persönliche Wohlbefinden, sondern auch für Kommunikation, Abstimmung und Zugehörigkeit.

Mit Burckhardts Perspektive lässt sich auch erklären, warum manche Räume eher Konflikte erzeugen als andere. Besonders sichtbar wird das dort, wo Raum und Arbeitskultur nicht zusammenpassen. Ein typisches Beispiel ist das Großraumbüro: Wenn Menschen mit hohem Konzentrationsbedarf direkt neben jenen arbeiten, die sich laufend intensiv abstimmen müssen, entstehen Spannungen fast zwangsläufig. Nicht, weil die Menschen „schwierig“ sind, sondern weil der Raum unterschiedliche Arbeitslogiken nicht gut abbildet.

Ähnlich ist es, wenn Organisationen sich flache Hierarchien und Agilität auf die Fahnen schreiben, ihre Räume aber starre Zuordnungen und klassische Statusunterschiede reproduzieren. Dann steht die gebaute Umwelt einer kulturellen Entwicklung im Weg.

Aus organisationsentwicklerischer Sicht stellt sich deshalb nicht nur die Frage, wie Räume aussehen, sondern vor allem: Welche Art von Organisation unterstützen sie eigentlich?

Drei Fragen können dabei helfen, die unsichtbare Dimension von Räumen besser zu verstehen und gezielt zu gestalten:

1. Welche unterschiedlichen Arbeitskulturen gibt es in unserer Organisation?

Wie wird bei uns gearbeitet? Wo braucht es Konzentration, wo Austausch, wo Vertraulichkeit, wo spontane Begegnung? Welche Formen der Zusammenarbeit prägen den Alltag?

2. Unterstützen unsere Räume diese unterschiedlichen Arbeitskulturen – oder erzeugen sie Reibung?

Fördern die Arbeitsräume Konzentration, Austausch, Rückzug, Flexibilität und Zusammenarbeit dort, wo es nötig ist?

3. Wie können Räume so weiterentwickelt werden, dass sie unterschiedliche Arbeitskulturen besser unterstützen?

Denn gute Arbeitsräume sind nicht einfach „schön“, sondern anschlussfähig an die Kultur und Entwicklung einer Organisation.

Wer Organisationen weiterentwickeln will, sollte Räume deshalb mitdenken. Denn Veränderung zeigt sich nicht nur in Leitbildern, Prozessen oder Rollen sondern auch ganz konkret darin, wie wir Arbeitsumgebungen gestalten.

*Lucius Burckhardt, Design ist unsichtbar, 1980, https://monoskop.org/images/2/22/Burckhardt_Lucius_1981_2010_Design_ist_unsichtbar.pdf

Sie wollen Arbeitsräume nicht nur verstehen, sondern aktiv gestalten?

Am 19. Mai 2026 vertiefen Bernhard Böhm und Peter Müllner die Themen dieses Artikels in der BRAINS AND GAMES Masterclass „Raum – Mensch – Organisation". Ein ganzer Tag für die Verbindung von Raumgestaltung, Arbeitskultur und Organisationsentwicklung — im kleinen Kreis, mit konkreten Tools und einem Transfer-Workbook für den eigenen Alltag. FORUM 21 bei BLAHA, Korneuburg.

Über den Autor:

Bernhard Böhm ist geschäftsführender Partner der Wiener Akademie für Organisationsentwicklung. Gründer von Social Spheres und Panorama.space sowie Dozent für Sozialwissenschaften an Universitäten wie ETH Zürich und Universität Wien. Spezialisiert auf die Verbindung von Raumgestaltung und Organisationskultur.

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