Warum mentale Gesundheit längst Chef:innensache ist –
und was Führung wirklich tun kann
Autorinnen: Christa Schmid und Jasmin Grünstäudl
Sie kennen das?
Der fünfte Kaffee. Die Packung Ibuprofen in der Schublade. Das höchste der Gefühle ist ein Klogang zwischen zwei Calls. Zu Mittag schnell den Kids die Tür öffnen und Essen wärmen. Und nebenbei das schlechte Gewissen, weil man sich diese Woche noch nicht im Büro sehen hat lassen.
Klingt vertraut? Sie sind nicht allein.
Wenn Erschöpfung zur Normalität wird
Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz rutscht im Alltag selten nach oben. Sie steht hinter Quartalszielen, Restrukturierungen und dem nächsten Meeting. Bis sie sich nicht mehr ignorieren lässt.
Die Weltgesundheitsorganisation prognostiziert: Bis 2030 werden Depressionen die häufigste Volkskrankheit sein – noch vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Und in Österreich sehen wir die Auswirkungen schon heute (WIFO-Fehlzeitenreport 2025):
11 % aller Krankenstandstage entfallen auf psychische Erkrankungen – Tendenz seit 2018 deutlich steigend
Bei den 25- bis 44-Jährigen sind psychische Erkrankungen die häufigste Ursache für Langzeitkrankenstände
Frauen sind stärker betroffen als Männer
Die direkten Krankenstandskosten lagen 2023 bei 5,8 Mrd. € – das sind 1,2 % der Wirtschaftsleistung
Was vor einer Generation noch belächelt wurde – Joggen, Krafttraining, Achtsamkeit – ist heute selbstverständlich. Beim Thema mentale Gesundheit stehen wir genau an diesem Punkt: vor einem überfälligen Kulturwandel.
Wenn einer ausfällt, trägt das ganze Team mit
Die Daten sind das eine. Was wir in Organisationen jeden Tag sehen, ist das andere: Konflikte, die zu lange schwelen. Führungskräfte, die nicht mehr wissen, wo sie ansetzen sollen. Teams, in denen die Belastung Einzelner zur Belastung aller wird.
Wenn jemand ausfällt, folgen:
Mehrarbeit für die übrigen
Frust und sinkende Stimmung
höhere Fehlerquote
am Ende oft Fluktuation
Mentale Gesundheit ist damit längst kein individuelles Thema mehr. Sie ist ein Faktor für Zusammenarbeit, Produktivität und Unternehmenserfolg.
Burnout entsteht nicht über Nacht
Burnout-Prozesse beginnen schleichend. Die Österreichische Gesundheitskasse beschreibt einen Teufelskreis, der sich oft über Monate, manchmal Jahre aufbaut:
Phase 1: Überanstrengung und zu hoher Energieeinsatz – meist getrieben durch fehlende Wertschätzung, mangelnde Kontrollmöglichkeiten oder das Gefühl, nie genug zu leisten
Phase 2: Erste körperliche Signale – Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Verspannungen
Phase 3: Konzentrationsprobleme, Fehler häufen sich, die Arbeit erfordert immer mehr Anstrengung
Phase 4: Sozialer Rückzug – Freundschaften, Familie, Hobbys werden vernachlässigt
Phase 5: Hoffnungslosigkeit, innere Leere, existenzielle Verzweiflung
Die unangenehme Wahrheit: Diese Spirale dreht sich oft mitten im Arbeitsalltag – ohne dass jemand sie bemerkt. Bis es zu spät ist.
Was Hirnforschung uns über Leistung verrät
Der Neurobiologe Gerald Hüther hat es im Standard-Interview "Wie das Hirn das Herz in den Job bringt" auf den Punkt gebracht: Hohe Leistungsbereitschaft – wirklich mit dem Herzen bei der Arbeit zu sein – ist das Ergebnis einer inneren Haltung. Und diese Haltung erwächst aus Erfahrungen.
Was bedeutet das konkret? Die Erfahrungen mit der Firma bestimmen die Haltung zur Firma. Und über diese Haltung den Leistungswillen.
Wer dauerhaft Druck, fehlende Anerkennung und mangelnde Sinnhaftigkeit erlebt, dessen neuronale Netzwerke speichern genau das. Und – auch das ist Erkenntnis aus der Hirnforschung:
Appelle, Sonntagsreden und gut gemeinte Aktionstage verändern daran nichts.
Was Menschen verändert, sind neue Erfahrungen. Mit Vorgesetzten, denen sie vertrauen. In einem Umfeld, das Sicherheit und Sinn bietet.
Daraus folgt eine unbequeme Konsequenz für Organisationen: Mentale Gesundheit lässt sich nicht in Workshops auslagern. Sie entsteht oder zerbricht im täglichen Tun.
Die vier Säulen mentaler Stärke
Resilienz ist kein angeborener Charakterzug, sondern das Ergebnis trainierbarer Fähigkeiten und stabiler Bedingungen. In unserer Beratungsarbeit sehen wir vier Säulen, auf denen mentale Stärke ruht.
Säule 1: Körper – die unterschätzte Basis
Bewegung ist mehr als Fitness. Sie reguliert das Nervensystem, baut Stresshormone ab und wirkt nachweislich gegen Depressionen.
Was im Arbeitsalltag wirklich hilft:
Telefonate und Calls im Stehen oder Gehen führen
Jede Stunde eine kurze Pause einlegen – auch wenn es sich falsch anfühlt
Täglich zehn Minuten Dehnung am Arbeitsplatz
Walking Meetings ins Freie verlegen, wenn das Wetter es zulässt
Sogar kurze Aufenthalte im Grünen wirken messbar: Sie senken den Cortisolspiegel, beruhigen das Nervensystem und stärken die Immunabwehr. Die Japaner haben dafür einen schönen Begriff – Shinrin Yoku, Waldbaden – und seit den 1990er Jahren eine eigene Forschungsdisziplin dazu aufgebaut.
Säule 2: Geist – Aufmerksamkeit als Ressource
Wir leben in einer aufmerksamkeitsarmen Welt. Achtsamkeit – die bewusste Ausrichtung auf das Hier und Jetzt – ist deshalb keine esoterische Übung, sondern eine kulturelle Notwendigkeit.
Drei Techniken, die im Arbeitsalltag funktionieren:
Achtsames Atmen: Drei Minuten am Tag, bewusst auf den Atem fokussiert. Mehr braucht es zu Beginn nicht.
Reframing: Eine Situation bewusst neu deuten. Aus einer Absage wird ein Hinweis. Aus Kritik ein Anlass zur Reflexion.
Journaling: Eine Studie der Medical School Berlin zum 6-Minuten-Tagebuch zeigt: Schon wenige Minuten morgens und abends reduzieren Stress messbar und stärken die Resilienz.
Säule 3: Beziehungen – die wichtigste Ressource, die wir haben
Die "Harvard Study of Adult Development" – eine der längsten Längsschnittstudien der Welt mit über 80 Jahren Forschung – zeigt klar: Gute Beziehungen halten uns gesünder und glücklicher. Robert Waldinger, Direktor der Studie, fasst es so zusammen: Es waren nicht Cholesterinwerte oder Karriereerfolge, die das Wohlergehen im Alter vorhersagten – sondern die Zufriedenheit in den eigenen Beziehungen.
Die Wiener SORA-Studie 2023 bestätigt das auf der Schattenseite:
Mit verlässlicher sozialer Unterstützung: durchschnittlich 4,1 alltagsbeeinträchtigende Symptome
Ohne soziale Unterstützung: durchschnittlich 6,6 Symptome
Das bedeutet für Organisationen: Arbeitsbeziehungen sind kein Beiwerk. Sie sind ein Resilienzfaktor. Und sie brauchen Pflege:
Check-ins zu Beginn jedes Meetings: "Wie bin ich heute hier?"
Bewusste Gespräche jenseits der Aufgabenebene
Regelmäßige Treffen in Person – auch in Homeoffice-Zeiten
Irritationen früh ansprechen, bevor sie zu Konflikten werden
Säule 4: Sinn – die wahrscheinlich unterschätzteste Säule
Wer weiß, wofür er etwas tut, hält mehr aus. So einfach. So entscheidend.
Sinn lässt sich nicht verordnen. Aber er lässt sich erfragen:
Warum stehe ich morgens auf?
Wann bin ich am lebendigsten?
Welchen Beitrag leiste ich – und welchen Beitrag leistet diese Organisation?
Wie könnte ich meine Talente auf eine Tätigkeit anwenden, die mich interessiert und anderen hilft?
Für Führungskräfte heißt das: Geht es in unseren Strategien, Quartalszielen und Meetings noch um den Sinn unserer Arbeit – oder nur noch um Kennzahlen? Wer das Erste vernachlässigt, sollte sich über die Folgen nicht wundern: innere Kündigung, Erschöpfung, Fluktuation.
Stress erkennen, bevor er chronisch wird
Eine ehrliche Selbstbeobachtung kann Leben verändern. Welche dieser Signale haben Sie in den letzten zwei Wochen an sich beobachtet?
Körperlich:
Herzklopfen, Engegefühl in der Brust
Schlafstörungen, chronische Müdigkeit
Verdauungsbeschwerden, Kopfschmerzen
Muskelverspannungen, kalte Hände oder Füße
Emotional:
Innere Unruhe, Gereiztheit
Versagensängste, Unzufriedenheit
Innere Leere, "ausgebrannt sein"
Kognitiv:
Kreisende Gedanken, Grübeleien
Konzentrationsstörungen, Erinnerungslücken
Häufige Fehler, Albträume
Im Verhalten:
Aggressives Reagieren, "aus der Haut fahren"
Schnelles Sprechen, Unterbrechen anderer
Konsum von Alkohol oder Medikamenten zur Beruhigung
Rückzug aus privaten Kontakten
Mehr als drei Signale? Das ist kein Anlass zur Panik. Aber ein klarer Hinweis, jetzt etwas zu ändern.
Was Führung wirklich tun kann
Aus 25+ Jahren Beratungsarbeit lassen sich fünf Handlungsfelder benennen, in denen Führung am stärksten Wirkung hat. Nicht morgen. Heute.
1. Strukturen schaffen, die Erholung ermöglichen.
Pausen, die nicht nur auf dem Papier existieren. Meetings, die enden. Erreichbarkeitsregeln, die nicht den nächsten Burnout vorbereiten.
2. Gespräche führen, die wirklich Gespräche sind.
Eine einfache Check-in-Frage zu Beginn eines Meetings öffnet Räume, in denen Menschen wahrnehmbar werden. "Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie fit fühle ich mich heute für unser Thema?"
3. Konflikte früh bearbeiten, bevor sie krank machen.
Wer Spannungen ignoriert, sammelt sie. Wer sie früh anspricht, entlastet alle Beteiligten – Konfliktfähigkeit ist ein zentraler Resilienzfaktor.
4. Sinn sichtbar machen.
Wofür arbeiten wir? Welchen Beitrag leistet diese Organisation? Diese Fragen gehören regelmäßig auf die Tagesordnung.
5. Vorbild sein.
Eine Treppe wird von oben gekehrt. Wer Mitarbeitende zu mehr Selbstfürsorge bewegen will, kann das nicht tun, indem er selbst Wochenenden durcharbeitet. Glaubwürdigkeit ist die Währung, in der Führung gemessen wird.
Mentale Gesundheit ist Führungsarbeit
Der fünfte Kaffee, das schlechte Gewissen, der Klogang zwischen zwei Calls – das sind Symptome. Das eigentliche Thema liegt tiefer: in der Art, wie Organisationen führen, kommunizieren, Sinn stiften. Oder eben nicht.
Mentale Stärke im Job entsteht nicht durch einen Aktionstag. Sie entsteht in der Summe vieler kleiner Entscheidungen:
Werden Pausen respektiert?
Werden Konflikte angesprochen?
Werden Menschen gesehen?
Vieles davon ist trainierbar. Auf der individuellen Ebene durch Achtsamkeit, Bewegung, Beziehungspflege und die Klärung des eigenen Sinns. Auf der organisationalen Ebene durch klare Strukturen, gute Gespräche, frühzeitige Konfliktarbeit und glaubwürdige Vorbilder.
Was es dafür braucht, ist nicht mehr Wissen – das gibt es genug. Was es braucht, ist die Bereitschaft, anzufangen. Lieber heute mit fünfzig Prozent als irgendwann mit hundert.
Unsere Top-Expert:innen für mentale Gesundheit am Arbeitsplatz
Christa Schmid – Organisationsberaterin mit 30+ Jahren Erfahrung, eingetragene Supervisorin und SIZE-Beraterin. Bringt eigene Führungserfahrung in leitenden Rollen mit und ist u.a. Expertin für Konfliktmanagement und Remote Leadership in verteilten Teams.
Jasmin Grünstäudl, MA – HR-Expertin und ehemalige Global Head of People and Organizational Development in der Verpackungsindustrie. Expertin für Konfliktmanagement, mentale Gesundheit und nachhaltige Sinnorientierung in Organisationen.
Erste Schritte gefällig?
Ein paar konkrete Übungen, schnell und überall anwendbar, finden Sie in unserem Achtsamkeitsbereich auf bag.at. Ein Anfang. Ein mentaler Selfcare-Moment für zwischendurch.
Sie möchten in Ihrer Organisation tiefer einsteigen – an mentaler Gesundheit, Konfliktkultur oder Führungsentwicklung arbeiten? Unsere Expert:innen freuen sich auf Ihre Anfrage.
Quellen
Fehlzeitenreport 2025 – Mayrhuber, C. & Bittschi, B.: Krankheits- und unfallbedingte Fehlzeiten in Österreich – Struktur der Langzeitkrankenstände. WIFO, Juli 2025.
WHO-Prognose Depressionen 2030 – Mathers, C. & Loncar, D.: Projections of Global Mortality and Burden of Disease from 2002 to 2030. PLoS Medicine, 2006.
Burnout – Phasenmodell und Prävention – Österreichische Gesundheitskasse: Burn-out – aufblühen statt ausbrennen.
Hüther: Hirnforschung und Arbeitswelt – Hüther, G.: Wie das Hirn das Herz in den Job bringt. Der Standard, 4.10.2012.
Harvard Study of Adult Development – Waldinger, R. & Schulz, M.: The Good Life. Harvard Medical School, 2023.
SORA – Psychosoziale Gesundheit in Wien 2023 – Zandonella, M. & Bohrn, K.: SORA Institute im Auftrag von PSD Wien, MA 23, FSW, MA 57.
Waldbaden – Shinrin-yoku – Park, B. J. et al.: The physiological effects of Shinrin-yoku. Environmental Health and Preventive Medicine, 2010.
Journaling – Medical School Berlin – Lorenz, T., Algner, M. & Binder, B.: Evaluation of the Effectiveness of the 6 Minutes Diary in a Randomized Control Trial. Frontiers in Psychology, 2022.